FAQs zur Begabungs- und Exzellenzförderung

4. Brauchen besonders Begabte eine besondere Erziehung?

Begabte Kinder brauchen, genauso wie alle anderen Kinder, eine liebevolle und ganzheitliche Erziehung, die neben der Förderung ihrer Begabungen (intellektuelle, soziale, musikalische, künstlerische, motorische und praktische Fähigkeiten usw.) auch die Entwicklung emotionaler, motivationaler und anderer Kompetenzen im Blick hat.

Für jedes Kind ist es wichtig, dass Eltern bzw. Erziehungsberechtigte seine Bedürfnisse wahrnehmen und darauf eingehen: Welche Interessen und Vorlieben hat das Kind? Wie viel Anregung braucht es? Wie viel Zeit beschäftigt es sich selbstständig? Wie ist sein Tagesrhythmus? Wo braucht es Unterstützung? Wo das Vertrauen der Eltern in seine Fähigkeiten?

Prinzip jeglicher Förderung kann der Leitspruch „Fördern auf Verdacht“ sein. Dies drückt zum einen aus, dass sich erst durch Förderung Begabungen entwickeln können. Zum anderen wird betont, dass eine Förderung zuhause oder im Unterricht oft keiner psychologischen Diagnostik (z.B. IQ-Tes­tung) bedarf, sondern auf wohlwollender und differenzierter Beobachtung beruht. Haben Eltern oder Lehrpersonen den Eindruck, das Kind sei „clever“, „gescheit“ oder „begabt“, können Förderangebote jederzeit gesetzt werden. Eine Diagnostik wird überflüssig.

Die Entwicklung begabter Kinder und Jugendlicher kann manchmal atypisch verlaufen. Ein Vergleich mit Gleichaltrigen ist daher nicht zielführend. Bei begabten Kindern können in gewissen Phasen ihrer Entwicklung Asynchronien auftreten, d.h. die Entwicklung von intellektuellen, motorischen, musikalischen, künstlerischen, praktischen, sozialen, motivationalen und emotionalen Fähigkeiten vollzieht sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit (siehe auch 3.2 „Was kann bei asynchroner Entwicklung getan werden?“). Es ist daher wichtig, die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in ihrem jeweiligen Entwicklungsstand bedingungslos anzunehmen. Eltern und Lehrpersonen sollten Abwertungen unbedingt vermeiden. Vorwürfe, wie „Red nicht so gescheit, du kannst ja noch nicht einmal deine Schuhbänder binden/sauber schreiben/dein Zimmer aufräumen!“ oder „Was, du willst (hoch) begabt sein?“, stellen ein begabtes Kind in seiner Identität in Frage.

Die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist für die Begabungsentwicklung von zentraler Bedeutung. Hier haben Eltern großen Einfluss und Vorbildcharakter. Sie können die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts, von Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, Freude an der eigenen Leistung und die Aneignung von angemessenen Problemlösungsstrategien wesentlich unterstützen.

 

Literatur

  • Perleth, C. & Schatz, T. (2004). Aus der Forschung: Zur Begabungsentwicklung und -förderung im Vorschulalter. In H. Wagner (Hrsg.), Frühzeitig fördern: Hochbegabte im Kindergarten und in der Grundschule. Tagungsbericht (S. 17−39). Bad Honnef: K. H. Bock.
  • Peterson, J. S. (2003). An Argument for Proactive Attention to Affective Concerns of Gifted Adolescents. Journal of Secondary Gifted Education, 14 (2), 62−70.
  • Rost, D. (2007). »Der liebe Herrgott ist gerecht«. Auch Hochbegabte sind nur Menschen. Ein Gespräch mit Detlef H. Rost, der mit vielen Mythen aufräumt. DIE ZEIT, 31.05.2007, Nr. 23.

Grundsätzlich soll sich Förderung an den Interessen und Bedürfnissen des Kindes orientieren. Das Kind sollte Art, Länge und Intensität der Förderung selbst bestimmen dürfen, denn Freiräume für ungestörtes Spielen und Erforschen fördern Konzentration und Eigeninitiative.

Dennoch bleibt den Erziehenden die Verantwortung, das Kind auch darin zu unterstützen, sich in weniger vertraute Bereiche zu wagen, denn ein Angebot an vielfältigen Eindrücken und Anreizen fördert die Gehirnentwicklung. Eine ganzheitliche Förderung schließt so weit wie möglich mathematisch-logische, sprachliche, soziale, musische und motorische Fähigkeiten aber auch emotionale und motivationale Kompetenzen ein. Eine einseitige (kognitive) Förderung kann unter Umständen sogar zu Störungen im Lern- und Sozialverhalten führen.

Für alle nachfolgend angeführten Maßnahmen gilt der zentrale Grundsatz der Begabungs- und Exzellenzförderung: „Fördern, nicht überfordern!“, denn „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ (Sprichwort aus Sambia). Überforderung kann in diesem Zusammenhang nicht nur das Kind, sondern auch Eltern und Geschwister betreffen. Das bedeutet, dass Förderangebote in ein sinnvolles Gesamtkonzept eingebettet sein sollen, die die Bedürfnisse, aber auch Möglichkeiten und Grenzen aller betroffenen Personen berücksichtigt.

  • Kinder brauchen vielseitige Angebote, um ihre Interessen erkennen zu können. Wandern, Basteln, die Natur beobachten, Pflanzen und Tiere erforschen, Instrumente ausprobieren, ins Museum gehen, ein Theater besuchen, verschiedene Sportarten kennenlernen usw. bieten Kindern die Möglichkeit, ihre Interessen auszuloten.
  • Das Erlernen eines Musikinstruments kann für Kinder ebenfalls einen wichtigen Anreiz für die geistige Entwicklung darstellen. Voraussetzung für einen Zugewinn ist allerdings das aktive Musizieren über einen längeren Zeitraum.
  • Von zentraler Bedeutung sind Primärerfahrungen. Es ist für ein Kind wichtig, etwas über den Wald zu erfahren, indem es in den Wald geht und nicht nur, indem es ein Buch darüber liest. Kinder lernen am besten aus unmittelbaren und direkten Erfahrungen, bei denen sie mit allen Sinnen selbst etwas erleben, herstellen und ausprobieren können. Allerdings sollten sich Eltern auch hier von den Bedürfnissen des Kindes leiten lassen.
  • Eltern sollten ihr Kind darin unterstützen, selbstständig Antworten auf Fragen zu finden: über unmittelbare Erfahrungen, über Bücher, Zeitungen, CDs, spezielle Fernsehsendungen, Computerprogramme, das Internet oder Museumsbesuche. So lernen Kinder, sich selbst Zugang zu Informationen zu verschaffen. Wichtig ist dabei nicht nur der Wissenserwerb, fast noch wichtiger sind das Erlernen von Methoden des eigenen Forschens und die Freude an der intellektuellen Herausforderung.
  • Eltern können ihr Kind am besten bei der Lösung eines Problems unterstützen, indem sie ihm nicht direkte Lösungsanweisungen geben. Statt „Dieses Puzzle-Teil gehört hier hin“ können sie auf Beziehungen zwischen Problem und Lösung hinweisen (z.B. „Hier fehlt ein Puzzle-Teil, das mindestens zwei Ausbuchtungen hat“, Perleth & Schatz, 2004, S. 28).

Im Vorschulalter ist v.a. auf die sprachliche und sozial-emotionale Erziehung zu achten.

Sprachliche Erziehung kann z.B. über Bücher oder Fremdsprachenlernen geschehen:

  • Bücher erschließen den Kindern neue und abenteuerliche Welten. Für viele begabte Kinder ist Lesen (bzw. Vorlesen) eine besonders wichtige Beschäftigung. Eltern sollten ihr Kind früh in die Benutzung von Bibliotheken einführen. Weiters sollten sie mit dem Kind über Bücher und Geschichten, die gemeinsam gelesen (bzw. vorgelesen) wurden, sowie über seine Erfahrungen sprechen.
  • Das frühe Erlernen von Fremdsprachen hat positive Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung. Die Zweitsprache aktiviert und vernetzt dasselbe Hirnareal wie die Erstsprache. Dieses Areal (Broca-Areal) ist auch beim späteren Erlernen weiterer Fremdsprachen beteiligt. Frühes Sprachenlernen schafft also zusätzlich zur entsprechenden Sprachkompetenz Lernstrategien für das Erlernen weiterer Sprachen. Wird eine Zweitsprache erst später erlernt, werden andere Areale im Gehirn aktiv, was einen höheren Aufwand erfordert.
  • Bei bilingualer Erziehung von Kleinkindern sollte beachtet werden, dass Kinder auch Fehler mitlernen. Zweisprachige Erziehung sollte daher nur von Personen mit muttersprachlicher Kompetenz durchgeführt werden. Beim Erlernen mehrerer Fremdsprachen ist es günstig, den Beginn der zweiten Fremdsprache erst dann zu setzen, wenn die Strukturen der ersten Fremdsprache einigermaßen vertraut sind (etwa nach 2−3 Jahren).

Sozial-emotionale Erziehung beinhaltet u.a. folgende wichtige Aspekte:

  • Wertschätzende Kommunikation wie aktives Zuhören oder Ich-Botschaften fördern den Beziehungsaufbau zum Kind und stärken gleichzeitig dessen Selbstbewusstsein.
  • Eltern sollten Erklärungen für ihre Entscheidungen abgeben. Dadurch signalisieren sie Wertschätzung und Gleichwertigkeit. Studien zeigen, dass begabte Kinder bereits im Vorschulalter ein höheres Bedürfnis haben, bei Entscheidungen angehört zu werden.
  • Der Fokus sollte sich weg von der Problemanalyse hin zur Lösungsorientierung entwickeln. Dadurch können die Ressourcen und Kompetenzen des Kindes aktiviert werden.
  • Durch den richtigen Umgang mit Motivationslosigkeit und Stress können Konflikte in Familien besser bewältigt werden.

Erfahrungen aus der Beratungsstelle der Ludwig-Maximilians-Universität München (www.psy.lmu.de/begabung) zeigen, dass die Berücksichtigung der oben genannten Aspekte einen erheblichen Einfluss auf die positive Entwicklung von begabten Kindern und des Familienlebens hat.

Zur Stärken- und Begabungsförderung von Kindern zwischen 3 und 6 Jahren hat das ÖZBF die Handreichung Familie macht stark. Impulse setzen, Stärken entdecken“ herausgegeben.

Eltern haben die Möglichkeit, über das Training KLIKK® (Kommunikations- und Lösungsstrategien für die Interaktion mit Klugen Kindern) in diesen Aspekten geschult zu werden. Informationen zu Terminen, Trainerinnen/Trainern und Konzept finden Sie unter www.elterntraining-klikk.de.

Abschließende Fördertipps

  • Schaffen Sie Anreize.
  • Nehmen Sie Anteil an den Interessen Ihres Kindes.
  • Sprechen Sie viel mit Ihrem Kind.
  • Entwickeln Sie Sensibilität und Freude für die Besonderheiten Ihres Kindes. Vermeiden Sie jedoch eine Überbetonung seiner (intellektuellen) Fähigkeiten.
  • Begabungsförderung ist Persönlichkeitsentwicklung. Eine liebe- und vertrauensvolle Beziehung, Sicherheit und Geborgenheit sind der beste Nährboden für die Entwicklung Ihres Kindes.
  • Ein Gleichgewicht von Freiheit und Lenkung in der Erziehung ist eine wichtige Grundlage für die Persönlichkeitsentwicklung.
  • Setzen Sie Ihrem Kind, wenn notwendig, klare Grenzen. Geben Sie aber immer Erklärungen für Ihre Entscheidungen ab.
  • Nehmen Sie Ihr Kind so wahr, wie es ist, und nicht so, wie Sie es haben möchten.
  • Vergleichen Sie Ihr Kind nicht mit anderen Kindern, sondern nur mit dem Kind selbst.
  • Machen Sie sich nicht zum Sklaven der Begabungsförderung Ihres Kindes.

 

Literatur

  • Altenmüller, E., Gruhn, W., Parlitz, D. & Liebert, G. (2000). The Impact of Music Education on Brain Networks: Evidence from EEG-studies. International Journal of Music Education, 35 (1), 47−53.
  • Arnold, D. & Preckel, F. (2008). Kommunikations- und Lösungsstrategien für die Interaktion mit Klugen Kindern. Eigenverlag.
  • Arnold, D. & Preckel, F. (2011). Hochbegabte Kinder klug begleiten: Ein Handbuch für Eltern. Weinheim: Beltz.
  • Hany, E. (2000). Zitate aus dem unveröffentlichten Skript. In H. Ulbricht (2002), Lern- und Verhaltensprobleme hochbegabter Kinder als Stolpersteine für die Schullaufbahn. München: Staatliche Schulberatung.
  • Perleth, C. & Schatz, T. (2004). Aus der Forschung: Zur Begabungsentwicklung und -förderung im Vorschulalter. In H. Wagner (Hrsg.), Frühzeitig fördern: Hochbegabte im Kindergarten und in der Grundschule. Tagungsbericht (S. 17−39). Bad Honnef: K. H. Bock
  • Stadelmann, W. (2003). Frühe Förderung und lebensbegleitendes Lernen im Lichte neuropsychologischer Erkenntnisse. Vortrag am OECD-Regionalseminar für deutschsprachige Länder vom 29. September bis 2. Oktober 2003 in Wien. Abgerufen von www.talentstudio.ch/PDF/05-Stadelmann_FrueheFoerderung.pdf [21.09.2009].
  • Velay, J. & Longcamp, M. (2007). Besser von Hand. Gehirn & Geist 3, 14−18.
  • www.talente-ooe.at

Das Wort ‚Begabung‘ kommt von ‚Gabe‘ oder ‚geben‘ und lässt daher fälschlicherweise vermuten, dass Begabung quasi von ‚oben‘ herab in den Schoß gelegt wird. Begabung ist nur zum Teil genetisch vererbbar. Sie ist v.a. im Kindes- und Jugendalter stark von Einflüssen der Umwelt geprägt (z.B. Erziehungsverhalten der Eltern, Schulbesuch usw.). Beispielhaft für den maßgeblichen Einfluss von Umwelt seien hier Leistungsmotivation oder kontinuierlich gesteigerte Lernprozesse genannt, die zentral für die Entwicklung von späterer Leistungsexzellenz sind.

Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Entwicklung der Intelligenz (nur dazu gibt es Forschung, nicht jedoch zu Begabungsentwicklung selbst) zu 70–80 Prozent von der Umwelt beeinflusst ist (Plomin & Spinath, 2004). Das ergaben auch Adoptionsstudien: So sind sich die IQ-Werte von adoptierten und leiblichen Kindern, die gemeinsam in einer Familie aufwachsen, ähnlicher als jene von getrennt aufwachsenden leiblichen Geschwistern. Weiters fand man heraus: Je jünger ein Kind bei der Adoption war, desto höher war sein IQ später (Resch, 2012).

Die wichtigsten Einflüsse auf die Begabungsentwicklung von Kindern sind:

  • Erziehungsverhalten der Eltern: Ein autoritativer Erziehungsstil wirkt sich positiv aus.
  • Sozioökonomischer Status der Eltern: Je höher, desto positiver.
  • Dauer des Schulbesuchs und Qualität des Unterrichts: z.B. je länger die Pflichtschuldauer und je besser der Unterricht, desto positiver.
  • Ernährung und medizinische Versorgung: Die bessere Ernährungslage nach dem 2. Weltkrieg führte zu einem erheblichen Anstieg der IQ-Werte (Husen & Tujnman, 1991).

 

 

Literatur

  • Husen, T. & Tujnman, A. (1991). The Contribution of Formal Schooling to the Increase in Intellectual Capital. Educational Researcher 20 (7), 17-25.
  • Neubauer, A. & Stern, E. (2007). Lernen macht intelligent – Warum Begabung gefördert werden muss. München: Dt. Verlags-Anstalt.
  • Plomin, R. & Spinath, F. M. (2004). Intelligence: Genetics, Genes, and Genomics. Journal of Personality and Social Psychology, 86 (1), 112-129.
  • Resch, C. (2012). Die Genom-Umwelt-Debatte. news&science. Begabtenförderung und Begabungsforschung, 32, 10-16.

Lernen ist neben günstigen Persönlichkeitsmerkmalen wie z.B. Motivation und einer förderlichen Umwelt der zentrale Faktor bei der Begabungsentwicklung hin zu Leistungsexzellenz.

Auch wenn in den ersten Schuljahren vieles noch „wie von allein“ geht, kommen selbst die begabtesten Lernenden im Lauf ihrer Bildungskarriere einmal an einen Punkt, an dem sie lernen müssen, damit sie sich fachlich weiterentwickeln können. Wenn sie dann nicht über geeignete Lern- und Arbeitsstrategien verfügen, wird die angestrebte Weiterentwicklung schwierig. Deshalb soll schon in der Volksschule begonnen werden, mit den Schülerinnen und Schülern an deren Strategiewissen zu arbeiten. Begabte Lernende verfügen häufig über ein hohes Ausmaß an metakognitiven Kompetenzen, d.h. an der Fähigkeit, über sich selbst und ihr Lernen nachzudenken und daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Es kann lustvoll für sie sein, neue Arbeits- und Lernstrategien kennenzulernen und auszuprobieren.

Schülerinnen und Schüler sollen ermutigt werden, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen. Hierfür eignet sich besonders das Modell des selbstregulierten Lernens (Ziegler, Stöger & Grassinger, 2009): Lernende werden darin bestärkt, eigenständig und zielorientiert ihr fachliches Wissen in einem bestimmten Bereich zu erweitern und gleichzeitig ihre Lernstrategien zu verbessern. Selbstreguliertes Lernen geschieht in mehreren Schritten: Zuerst schätzen die Lernenden den eigenen Lernstand ein, setzen sich erreichbare Lernziele und wählen eine geeignete Lernstrategie. Dann wenden sie die Strategie an und überprüfen, ob sie funktioniert. Falls nicht, probieren sie eine neue Strategie und hinterfragen diese wieder kritisch. In einem letzten Schritt bewerten die Lernenden das Lernergebnis. Sie fragen danach, ob das Lernziel mit Hilfe der angewendeten Strategie erreicht wurde.

Gelungene Lernprozesse sind eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Lernende außergewöhnliche Leistungen erreichen können. Dazu ist es nötig, dass sie ihren Lernstand realistisch einschätzen können, ihre Stärken und Schwächen beim Lernen kennen, sich erreichbare Ziele setzen und über ein reichhaltiges Repertoire an Lernstrategien verfügen. Die Aufgabe der Pädagogin/des Pädagogen ist es, die Lernprozesse der Schüler/innen zu begleiten und die Lernenden beim Aufbau der genannten Kompetenzen zu unterstützen.

 

Literatur

  • Hofmann, F. (2000). Aufbau von Lernkompetenz fördern. Neue Wege zur Realisierung eines bedeutsamen pädagogischen Ziels. Innsbruck: Studienverlag.
  • Weinert, F. E. (2000). Lernen als Brücke zwischen hoher Begabung und exzellenter Leistung. Vortrag am 13. Oktober 2000 beim 2. Internationalen ÖZBF-Kongress in Salzburg.
  • Ziegler, A., Grassinger, R. & Harder, B. (2008). Begabungs-, Expertise- und Innovationsforschung. Viel versprechende Felder der Begabungsforschung. news&science. Begabtenförderung und Begabungsforschung, 20, 34-39.
  • Ziegler, A., Stöger, H. & Grassinger, R. (2009). Diagnostik selbstregulierten Lernens mit dem FSL-7. Abrufbar von www.psycho.ewf.uni-erlangen.de/mitarbeiter/ziegler/publikationen/Publikation09.pdf [17.12.2013].

Zeigt ein Kind in einer Mehrkindfamilie Begabung, dann bestehen hohe Chancen, dass auch seine Geschwister Begabungspotenzial aufweisen. Das Geschlecht der Kinder spielt dabei keine Rolle: Statistisch gesehen treten Begabungen bei Burschen und Mädchen mit der gleichen Wahrscheinlichkeit auf.

Ob in Familien, in denen ein oder mehrere Kinder Begabung zeigen, Konflikte zwischen den Geschwistern auftreten, ist unabhängig von der Begabung. Nicht die Begabung eines Kindes (oder mehrerer Kinder) führen zu Schwierigkeiten in der Geschwisterbeziehung, sondern die Art und Weise, wie Eltern bzw. Erziehende damit umgehen. Wenn Eltern z.B. Unterschiede zwischen ihren Kindern übermäßig betonen, dann ergeben sich leicht Probleme für sie (und in der Folge auch für die Eltern-Kind-Beziehung). Für die Kinder ist es in diesem Zusammenhang v.a. wichtig, dass sie sich als Personen wertgeschätzt fühlen.

Die jüngeren Kinder profitieren am meisten von ihren Geschwistern – besonders im Bereich der sprachlichen Kompetenzen (Wortschatz, Hör- und Leseverstehen usw.). Dieser Effekt ist am deutlichsten, wenn der Altersunterschied etwa 3 bis 4 Jahre beträgt. Jüngere Geschwis­ter suchen sich für gewöhnlich Tätigkeitsfelder oder Interessengebiete, die nicht durch ihre älteren Geschwister in Anspruch genommen („besetzt“) wurden. Wenn z.B. die Schwester in Mathematik herausragend ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der jüngere Bruder Abstand nimmt, sich besonders der Mathematik zuzuwenden, auch wenn er auf diesem Gebiet ebenfalls herausragende Potenziale aufweisen würde. Er wird sich stattdessen mit einem anderen Interessengebiet beschäftigen, das ihm erlaubt, an seinem eigenen Platz hervorzustechen. Vielleicht weniger, als es in der Mathematik möglich gewesen wäre, aber doch mit der in den Augen des Kindes positiven Folge, nicht mit seiner älteren Schwester ver­glichen zu werden.

 

Literatur

  • Arnold, D. & Preckel, F. (2011). Hochbegabte Kinder klug begleiten: Ein Handbuch für Eltern. Weinheim: Beltz.
  • Kasten, H. (2003). Geschwister: Vorbilder, Rivalen, Vertraute. München: Ernst Reinhardt.

Eine besondere Begabung geht nicht notwendigerweise mit ausgezeichneten Schulnoten einher. Die Begabung eines Kindes kann aus unterschiedlichen Gründen nicht zu jenen Leistungen führen, die aufgrund seines Potenzials eigentlich zu erwarten wären. Schüler/innen, bei denen über eine längere Zeit ein bedeutsamer Unterschied zwischen ihrer vermuteten Begabung und ihrer tatsächlich erbrachten Leistung sichtbar ist, werden als Underachiever („Minderleister“, Englisch to achieve, etwas zustande bringen, ein Ziel erreichen) bezeichnet.

Die Ursachen für Underachievement sind vielfältig und sehr individuell. Sie können in der Schule, der Familie und/oder der Person selbst begründet sein und sich bei durchschnittlich wie besonders begabten Kindern gleichermaßen u.a. durch folgende Merkmale zeigen:

  • Desinteresse an schulischen Lernbereichen bzw. an der Art, wie das Wissen vermittelt wird
  • Lernschwierigkeiten oder Teilleistungsschwächen
  • mangelnde Motivation, mangelnde Lerntechniken, mangelnde Planung, mangelndes Zeitmanagement
  • Unfähigkeit, den Umsetzungsprozess von Begabung in Leistung selbst zu steuern
  • Konzentrationsschwächen, Tagträume
  • Langeweile (geistiges Abschalten wegen Unterforderung)
  • erhöhte Tendenz zur Anstrengungsvermeidung, Angst vor Misserfolg
  • Probleme im Umgang mit anderen Personen (ausgedrückt durch Zurückgezogenheit, geringes soziales Selbstvertrauen usw.)
  • widersprüchliche Wertvorstellungen in Familie und Umfeld
  • zu viele außerschulische Aktivitäten
  • widersprüchliche bzw. zu hohe Erwartungen hinsichtlich des eigenen Rollenbildes (z.B. Perfektionismus)
  • Autoritätsfeindlichkeit (das Kind liest z.B. viel, verliert jedoch das Interesse daran, wenn das Lesen von einer Autoritätsperson, wie etwa der Lehrperson, angefordert wird).

Für Pädagoginnen/Pädagogen ist es eine besondere Herausforderung, Underachievement, d.h. Begabungen trotz schwacher schulischer Leistungen, zu erkennen und entsprechende pädagogische Maßnahmen zu setzen. In jedem Fall ist es wichtig, bei den Stärken der Schülerin/des Schülers (Begabungen und Talente, Interessen, Spezialwissen) anzusetzen und dabei das gesamte Entwicklungsbild des Kindes zu berücksichtigen. Somit existieren keine „Interventionsrezepte“, mit denen man Underachievern begegnen könnte. Hilfreich und zielführend ist das einfühlsame Begleiten im schulischen und häuslichen Alltag.

 

Literatur

  • Hagelgans, H. (2014). Weg(e) aus dem Underachievement. Underachieverförderung konkret im ganzheitlichen Kontext von Schule – Einblicke in eine wissenschaftliche Begleitstudie. news&science. Begabtenförderung und Begabungsforschung, Nr. 36/37, 60-67.
  • Moon, S. M. & Rice, S. M. (2004). Social/Emotional Issues, Underachievement and Counseling of Gifted and Talented Students. Thousand Oaks, CA: Corwin Press.
  • Oswald, F. & Weilguny, W. M. (2005). Schulentwicklung durch Begabungs- und Begabtenförderung. Impulse zu einer begabungsfreundlichen Lernkultur. Salzburg: ÖZBF.

Begabung hat, wie empirische Untersuchungen belegen, nicht automatisch zur Folge, dass ein Mensch perfektionistisch (bzw. perfektionistischer als andere Personen) ist.

Perfektionismus hat zwei Bedeutungen. Einerseits wird darunter ein ungesundes Streben nach unrealistischen Zielen verstanden, verbunden z.B. mit einer unangemessenen Besorgnis über gemachte Fehler, mit lähmenden Zweifeln in Bezug auf das Setzen von Handlungen. Andererseits wird er als eine besondere Zielstrebigkeit aufgefasst, die etwa im Spitzensport, in Kunst und Kultur eine hohe Wertschätzung in unserer Gesellschaft genießt.

Wird letztere Form des Perfektionismus in Zusammenhang mit Fähigkeiten wie Selbststeuerung, Arbeitsdisziplin oder Leistungswille gesehen, dann ist dies für die Entfaltung von Begabungen nützlich. Es kann z.B. dazu führen, dass ein junger Mensch mit der Zeit herausragende sportliche, wissenschaftliche, künstlerische oder kulturelle Leistungen vollbringt.

Perfektionismus als ungesundes Streben nach unrealistischen Zielen (als „Fehlanpassung“) macht es offenkundig auch bei begabten Kindern notwendig, die Ursachen zu erkennen, die zu dieser Art von Stress führen. Ob Eltern und Erziehende zur besseren Betreuung eines perfektionistischen Kindes auf die Unterstützung durch Psychologinnen und Psychologen zurückgreifen sollten, hängt vom Grad des Perfektionismus ab, ob er Grund für das Auftreten weiterer gravierender Probleme wie Rückzug aus dem gesellschaftlichen Umfeld, Panikattacken, Essstörungen oder Depressionen ist bzw. sein könnte.

Perfektionistischen Kindern und Jugendlichen hilft es, die positiven Seiten dieser Eigenschaft zu erkennen und so ihren Perfektionismus als eine Chance für ihr Leben aufzufassen.

Sie sind durchaus in der Lage, effektiver mit den negativen Seiten dieser Eigenschaft umzugehen, wenn sie das Positive des bereits in ihrer Kindheit bzw. Jugend stark ausgeprägten Drangs zur Vervollkommnung erfassen. Das bedeutet, dass sie jene Verhaltensweisen und Haltungen ablegen, die sie im Alltag beeinträchtigen, und jene stärken, die für ihre ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung förderlich sind.

 

Literatur